Baerl , 2.6.06
Der etwas andere Reisebericht über Vinn, Baerl und Utfort in die Masuren.

Durch die liebe Nachbarin Dietlinde, hatten wir die Möglichkeit uns ihrem Wassergymnastikverein zur Masurenfahrt anzuschließen. Am 21. Mai, sonntags, fuhr Hans, ihr Gatte uns morgens zur Grafschafter Straße und dort wurden wir um sechs Uhr abgeholt.
Das Wetter war jahreszeitlich bedingt stürmisch und regnerisch –typisches Seeklima. Aber wir fuhren ja Richtung Osten und da gibt es ja das lobenswerte Kontinentalklima, welches auf besseres Wetter hoffen lässt.
Die Mitreisenden waren ein gemischtes Völkchen von Mittelalt bis nun, noch ein paar Jahre älteren Leutchen. Die Betriebsführung war bestens organisiert! Zuerst nenne ich die Hauptperson, den Busfahrer, den, ja man muss das sagen, Klasse - Peter. Dieser junge Mann hatte zu jeder Zeit und bei jeder Gelegenheit alles im Griff und wirkte nebenbei hauptberuflich als Entertainer, der die ganze Besatzung, überwiegend Damen, zum Singen, Lachen und Jubeln brachte. Wie gesagt: Klasse! Die Reiseleitung unterstand  einer netten Dame, unserer Helga. Auch da kann ich nur Worte des Lobes finden. Sie hatte  die Ruhe weg und  war hilfsbereit und – energisch, wenn es denn einmal notwendig war. Klasse! Ja, und nun kommt der sogenannte technische Berater, der liebe Dieter! Dass er ein Bergmann war, merkte ich sofort! So  symphatisch und einsatzfreudig können nur Kumpel sein! Er versorgte uns Tag für Tag mit den notwendigen Getränken und bei Bedarf auch mit leckerem Essen und hatte ununterbrochen gute Laune!! Auch das ist selten!
Es war also für unser Wohlbefinden gut gesorgt!
Es wurden regelmäßig Raststätten angefahren um die notwendige Püschopause, wie unser späterer polnischer Reiseleiter, die Pinkelpausen nett umschrieb, einzulegen. Die letzte fand an der Raststätte „Bukowsee“ statt. Es regnete, wie allgemein, und dort standen zwei klapprige Harleyfahrer bei ihren Motorrädern. Sie hatten drei Tage in der Nähe von Werden an der Aller bei einem Treff in ihren kleinen Zelten gehaust, waren durchgefroren und Schach matt auf dem Weg nach Eberswalde im Oderbruch. Ich wünschte gute Fahrt und war froh, als ebenfalls Motorradfahrer, im warmen Bus zu sitzen.
Gegen sechzehn Uhr kamen wir nach einem problemlosen Grenzübergang in Stettin an und logierten für eine Nacht im ORBIS Hotel Neptun. Wir hatten 730km zurückgelegt. Wir benötigten Sloty, die landesübliche Währung und begaben uns in ein riesiges Einkaufscenter, in dem alle Läden geöffnet waren, zu einem Geldautomaten. Dort kam ich mir zum zweitenmal in meinem achtundsechzigjährigen Leben wie der Bauer vom Land vor!
Das erstemal war es in der Mittagszeit in Mailand. Dort setzten sich junge Banker, elegant gekleidet auf ihre BMW, nicht Moto Guzzi, und hatten als Sozia eine ebenfalls chic gekleidete junge Dame dabei – und fuhren los. Ob zum Pausieren oder Poussieren, war nicht festzustellen. Und nun Stettin! Die Damen bestachen nicht nur durch ihre bekannten und tatsächlichen Reize, nein sie waren gekonnt und bemerkenswert elegant gekleidet. Auch die jungen Männer waren überwiegend mit Schlips versehen und würden hier im Westen unseren pennerhaft verkleideten Jünglingen jede Dame abspenstig machen. Wenn es die Zeit erlaubt hätte, dort würde ich mich auch noch mit modischer Kleidung eingedeckt haben. Die war in den Geschäften preiswert zu haben!
Wir kamen pünktlich zum Abendessen zurück. Dieses war ein Büffet mit  einer Vielzahl von Leckereien, ich erwähne nur die leckeren Fische und das Schweinerückensteak! Da konnte man süchtig werden. Meine Waage hatte ich leider zu Hause gelassen. Übrigens mundet auch das polnische Bier mit zugehörigem Luxuswodka! Über dieses Hotel kann ich nur gutes berichten!
Am Montag  frühstücken wir um 6,30Uhr. Das Buffet ist super reichlich bestückt: Säfte, Obstsalat, Melonen, Wurst, Käse, Tomaten, Gemüse.....dat kann ich nicht alles erwähnen, aber es war alles in überreichlicher Fülle da!
Um acht Uhr geht es weiter. Die Landschaft bietet endlose Wälder, Heiden, Seen und der Bus rollt für mich unerwartet, über gute Straßen mit wenig Verkehr. Es ist ein angenehmes Fahren. Auch das Wetter spielt mit, blauer Himmel, 19°. Ab und an liegt ein kleines Dorf am Weg. Aber sonst Natur pur! Das bisher flache Land wird hügelig und wir fahren an Obst, besonders Kirschplantagen vorbei. Kommt hier die Weichselkirsche her?
An Bord werden wir von dem technischen Berater Dieter, wie gestern auch, verwöhnt. Der Klasse - Peter wählt sich unter den Damen des Busses eine Roswitha und eine Christel aus, die beauftragt werden stündlich an alle Mitreisenden Bonbons und weitere Süßigkeiten zu verteilen. Dieter gibt zwischendurch eine Pfirsichlikör oder einen Korn aus! Wat et all jüt! Wasser, Bier Schorle und Würstchen oder mittags Suppe (lecker) kann gekauft werden. Wir leiden keine Not – im Gegenteil. Das ist die wahre Völlerei! Wir fahren über Bromberg, danach ein Stück Autobahn Richtung Danzig bis Graudenz wobei wir die Weichsel überquerten. Wir fahren immer wieder an den gelbleuchtenden Rapsfeldern vorbei und die Wälder und Seen nehmen kein Ende! Mittlerweile haben wir eine Temperatur von 23° - oh wenn das Wetter ewig so bliebe! Nun geht es über Allenstein, noch 200km bis Nicoleiken. Die Gegend wirkt menschenleer!  Die Straßen werden schmaler und schlechter – aber neue sind im Bau! Wir landen jedoch nicht wie vorgesehen in Nicoleiken sondern um 19 Uhr in Mrogowo – Sensburg im Hotel Mercure! Das war kein schlechter Tausch!  Die Zimmer sind gut und ein tolles Schwimmbad ist auch vorhanden.
Das Abendessen, ein Buffet in beschriebener bester Form: Fisch, Fleisch, Kuchen und was soll ich das aufzählen, es war eben da in leckerster Zubereitung und überschwänglicher Menge! Lobenswertes über das Essen zu sagen erübrigt sich! Es war toll! Erika sagte, dass sie diese Köstlichkeiten nicht alle schildern kann! Es wurde nicht spät, wir waren Asche!
Am nächsten Tag stellt sich unser polnischer Reiseleiter, der nette „Cäsar“ vor, er ist ein lustiger Bursche, der uns oft zum Lachen und Singen bringt. Ein Ohrwurm wird das von ihm kredenzte Lied: Oh Marianno! So muss es sein!
Die erste Station ist „Heilige Linde“  Dort gibt es eine wunderschöne Wallfahrtskirche und es gab ein zehnminütiges Orgelkonzert, wobei sich während des Spiels Figuren an dem Prospekt bewegten. Imponiert hat mir der eine kurze Predigt haltende Pfarrer, der mit kräftiger Stimme mit uns den  Choral „Großer Gott wir loben dich“ anstimmte.
Das erinnerte mich an eine Beerdigung vor wenigen Tagen in Utfort. Dort musste die Pastorin sich nach dem zweiten Lied ein Gesangbuch reichen lassen, sie kannte den Text nicht – um dann mit piepsiger Stimme fast alleine das allen Trauergästen ebenfalls unbekannte Lied zu trällern. Ja, an den höheren Dienst werden heutzutage in der evangelischen Kirche richtige Anforderungen gestellt!
Die Weiterfahrt ging im strömenden Regen über Rastenburg zur „Wolfsschanze“ dem Hauptquartier Hitlers.
Es folgte eine eineinhalbstündige inhaltsreiche Führung. Es wurde bisher nicht Bekanntes mitgeteilt. Sie wurde von den Kriegsgegnern nicht angegriffen – nur von den unzähligen Mücken, die auch Hitler sehr zusetzten. Hitler meinte im Scherz, dass sich doch die Luftwaffe dieser Plagegeister annehmen sollte.
Dabei können diese Biester einem tatsächlich das Leben verleiden. Mückenschutz ist zu empfehlen!
Wir fahren weiter zu einem Restaurant. Ich bekomme in einem Steinguttopf  köstlichen Eintopf und Erika Piroggen, eine Art Maultaschen mit Fleisch Füllung und übergossen mit ausgelassenem Speck. Sie schwärmt jetzt noch davon!
Es geht über Lützen, mit einer evangelischen Kirche im sonst zu 90% katholischen Polen, zum Hotel. Bemerkenswert ist, dass in einem Neubaugebiet immer eine Kirche gebaut wird und zwar in bemerkenswert ansprechender Architektur.
Abends treffen sechs Harleyfahrer ein. Es sind Hessen, die von Königsberg gekommen sind, hier zwei Tage pausieren und dann längs der Ostseeküste zurück fahren. An den Maschinen ist kaum noch etwas Serienmäßiges zu sehen, alles aufgemotzt  und schön. Die Herren bewegen sich natürlich auch in feinsten Harleyklamotten – chic!
Es traf noch eine Gruppe Schweizer Motorradfahrer ein – konnte sie leider nicht mehr ansprechen.
Die Sonne scheint wieder. Wir haben 20° und unternehmen eine Schiffstour auf einem 18km langen See mit Essen an Bord. Abends das Hallenbad aufgesucht und auf Anweisung unserer unermüdlichen Reiseleiterin Helga Wassergymnastik betrieben. Bademäntel und Handtücher vom Hotel kostenlos, wie auch der Eintritt!
Peter besorgt anschließend Getränke und um 24 Uhr wird die nette Roswitha in ihrem Zimmer überrascht. Sie hat Geburtstag! Es war lustig – und laut!
Die nächste Tour ging durch die sehenswerte „Johannisberger Heide“ mit Besichtigung eines Klosters der „Altgläubigen“ und des Forsthauses in dem der Schriftsteller Ernst Wiechert wohnte. Dann wurde eine Stakenfahrt, in mehreren Booten, wie im Spreewald, auf der „Krudinia“ unternommen.  Die Fahrt ging durch urige Wildnis. Toll!
Roswitha verwöhnte uns im Bus mit ununterbrochenen Runden – sie hatte ja Geburtstag und der wurde gefeiert.
Um 10 Uhr ging es am kommenden Tag zu dem 80km entfernten Lück. Dort bestiegen wir eine Schmalspurbahn und ließen uns in 40 Minuten zu einem Dorf kutschieren wo liebe Leute uns mit einem Picknick  verwöhnten. Es gab u.a. das leckere Bigosch, ein geschmortes Weißkohlgericht mit Gehaktem!  Ein Lagerfeuer war auch vorhanden und die Krakauer Wurst wurde an einem Stecken über dem Feuer gegrillt, anschließend gab es noch Kaffee und Kuchen. Begleitet wurden wir auf der Bahnfahrt und auch während des Picknicks von einem unermüdlichen Akkordeonspieler.
Auf der Rückfahrt gab es Probleme mit der Diesellok!
Der Lokführer hielt an einem See und holte Kühlwasser. Wasser gibt es in dieser Gegend ja genug. Bergab wurde der Motor abgestellt, eine kochendheiße Fontäne Wassers spritzte aus der Maschine. Er telefonierte wie wild – aber davon wurde der Motor auch nicht repariert. Aber er hat uns doch noch bis zum Bahnhof gefahren. Das war eine lustige und erlebnisreiche Tour.
Freitags war ab Nicoleiken wieder eine zweistündige Seefahrt angesagt. Nach Durchfahren einer Schleuse kamen wir in ein Dorf wo ein großer Markt war. Ich kaufte zwei Gläser Honig der von Buchweizen stammt. Dies ist ein bitterer Honig, ähnlich dem Korsischen Honig, der von den Maronenblüten kommt. Angeboten wurde schönes „Bunzlauer Porzellan. Im Restaurant wurden wir von einer bildhübschen jungen Dame bedient, die freundlich plaudernd schnell viele Gäste bediente. Da schmeckt das Essen noch einmal so gut (Pfannkuchen  eine Art Crepe, mit echten Waldbeeren – köstlich!).
Heute ist eigentlich Peters Ruhetag! Aber er opfert ihn um uns einen weiteren Ausflug anzubieten. Er fuhr uns in eine Stadt, in der ein großer Markt stattfinden sollte – nur der schloss um 13 Uhr.  Eine dunkle Wolkenwand kam auf, wir erreichten den Bus und der Himmel schüttete  Wassermassen aus, dass es einem grauste. Ich treffe zwei Berliner Edurofahrer. Sie sind mit der Fähre bis Kleipeda geschiffert und befinden sich mit ihren 650er Susis auf der Rückfahrt.
Am Samstag war Kofferverladung und um 8 Uhr ging es Richtung Thorn. Es regnete bei der Stadtführung.  Wir besichtigten u.a. die größte polnische Kirche mit 27m Deckenhöhe, die Marienkirche. Thorn ist eine vom Krieg nicht berührte uralte Stadt mit Hunderten historischen Gebäuden. Dort wären wir gerne mal stundenlang bummeln gegangen.
Um 18 Uhr kommen wir in Posen an und übernachten im Novohotel (sechzehn Etagen). Das Foyer und der Speisesaal sind hohe Hallen. Das Personal ist freundlich und spricht deutsch. Abendessen und Zimmer wie gehabt –gut!
Sonntags war um 8,20 Uhr Abfahrt.
Der Himmel ist grau und es regnet bei 13°, aber um 9 Uhr erscheint Frau Sonne!
Es geht über Land und an den Straßen werden Windmühlen, riesige Gartenzwerge, Spargel, Honig und sonstige landestypische Waren angeboten.  Aber Peter bleibt hart. Erhält nicht trotz vieler „Ohs“ und „Ahs“. Er sagt, dass wir eine Fata Morgana hätten und spendiert weitere Runden Gesundheitswasser mit nachgereichten Bonbons.
An einer Linkskurve fahren wir nach vorherigem Stau an einem bösen Unfall vorbei. Die beteiligten Fahrzeuge brauchen nicht verladen werden, die kann man wegfegen. Überhaupt die Fahrweise der Polen erinnert mich an das Fahren der Leute in der ehemaligen DDR um 1991.  Da wird geheizt als ob sie bei Aldi noch ein Reserveleben günstig erwerben könnten. Von da an fuhren wir hinter einem russischen Bus her, der auch in Frankfurt (Oder) vor uns von polnischen Zoll abgefertigt wurde – aber wie! Man konnte die ehemalige sozialistische Völkerfreundschaft  zu den Russen filmen. Eine Stunde wurden die armen Leute gefilzt! Dazu gab es keine Veranlassung. Polen gehört zur EU und die Einreise des Busses hat schon an der Russisch – Polnischen Grenze stattgefunden. Was sollte dieses Theater? Wir standen hinter diesen ehemaligen sozialistischen Blutsbrüdern und mussten ebenfalls ungewollt – warten! Die Kontrolle unseres Busses dauerte keine fünf Minuten!
Um 13.40 Uhr gab es die Mittagsrast. Es wurde Linsensuppe mit Würstchen serviert – lecker! Danach ging es mit Stopp und Go bis hinter Hannover, während eines kurzen Stopps wurde der neue Fahrer aufgeladen, ein netter Kerl, der uns durch Stau und weiteren Staus sicher um 23.30 Uhr in Baerl anlandete. Das war eine schöne und anstrengende Tour.
Der Bus muss auch noch lobend erwähnt werde: er hatte 490PS, 10 Zylinder bei 12.000cm³ und einen 520l Tank. Er hat uns problemlos über 3650km geführt. Das ist bemerkenswert und ich würde mich ihm und seinem Fahrer Peter mit dem technischen Berater Dieter jeder Zeit gerne wieder anvertrauen.

Wolfgang Küppers